Wer sich über mich informiert hat, ggf. hier auf der Homepage, oder aber im persönlichen Gespräch, der weiß, dass ich in Winterberg aufgewachsen bin. Kurz bevor ich Anfang 2003 nach Ostfriesland gezogen bin, habe ich im Auftrag der RLG, der örtlichen Verkehrsgesellschaft, Fahrgastbefragungen gemacht. Wer hätte gedacht, dass mir das tatsächlich geholfen hat ein bisschen die Augen zu öffnen…

Mein Dorf hatte um die 1.300 Einwohner (Pi mal Daumen) und es fuhr unter der Woche jede Stunde ein Bus in drei Richtungen! Nach Medebach, nach Winterberg und nach Brilon. Samstag etwas weniger, aber ebenfalls in drei Richtungen. Am Sonntag war es noch etwas weniger, aber man hat mit dem Taxibus eine Alternative geschaffen. Kurzer Anruf im Vorfeld und im worst case steht an der Haltestelle ein Taxi, dass mich ans Ziel bringt. Samstagnacht fuhr zusätzlich noch ein Nachtbus nach Winterberg und Brilon. Für mich war das alles kostenfrei nutzbar mit der Schülerfahrkarte. Mit dem Zug konnte ich diese übrigens bis nach Dortmund nutzen.

Aber irgendwie fand ich diese Verbindungen als Jugendlicher voll mies. Ich kam halt nicht spontan zu jeder Zeit innerhalb von 15 Minuten zu meinen Kumpels in Winterberg, ich musste halt auf den Bus warten, ggf. auch umsteigen, wenn es mal nach Siedlinghausen ging oder oder oder… Ach Gott, die meisten, die dies hier lesen, kennen die Dörfer ja nichtmal 😉

Bei der o. g. Befragung ist mir aber eines aufgefallen: Die Einheimischen fanden das ÖPNV-Angebot sehr schlecht. Die Touristen allerdings, die waren total begeistert. Zumindest die, die ebenfalls auf dem Land lebten. Das war damals schon etwas komisch für mich und ich habe tatsächlich damals schon gedanklich darauf rumgekaut.

Im Februar 2003 ging es dann wie gesagt nach Ostfriesland. Menstede nannte sich das Nest, keine 500 Einwohner. Zur Schule ging ich fortan in Norden. Die Busfahrkarte? Musste ich mir selbst kaufen! Die Verbindungen? Ähm ja…. ich kam zur ersten Stunde pünktlich in Norden an. Fiel mal der Unterricht in den ersten Stunden aus, dann war das ziemlich egal: Ein anderer Bus fuhr nicht!

Nach der Schule? Auch nicht besser! Nach der sechsten Stunde fuhr ein Bus in meine Richtung (ach ja, keiner dieser Busse hielt in Menstede, ich musste aus dem Ort raus laufen an die Landstraße (L6). Dort, zwischen Arle und Westerende hielt der Bus). Aber wenn ich acht Stunden hatte, was in der Oberstufe ja eher regelmäßig passierte, kam ich nicht mehr weg. Ich hätte bis ca. 18 Uhr warten müssen.

Es nützte also nichts, meine Mutter musste mich zu Beginn trotz einer teuren Monatskarte, drei Mal die Woche von der Schule abholen! Ach ja, an alle die meinen: Na dann fahr doch in einen anderen nahe gelegenen Ort, wo Deine Eltern zumindest nicht so weit fahren müssen… Ja, nett gedacht, aber die Struktur des ÖPNV vor Ort ließ das gar nicht zu! Ich hatte meine Fahrkarte beim Busunternehmen XY gekauft, also konnte ich nur seine Busse auf genau dieser Linie nutzen. Kein vernünftiges System mit Preisklassen und Co., noch mehr Busfahrkarten hätten es noch teurer und unsinnig gestaltet. Zumindest „damals“, heute ist es wohl etwas besser.

Es führte also kein Weg um ein Zweitwagen herum, mit dem ich deutlich günstiger zur Schule kam. In der Schule und in der Nachbarschaft fragten wir etwas herum, verwöhnt aus dem Sauerland, warum so wenig Busse fahren würden und diese so teuer seien. Die Antwort überall: Es haben und nutzen ja alle Autos oder Roller… Was uns zur philosophischen Frage bringt: Was war zuerst da? Das Huhn oder das Ei?

Aber was hat das Ganze nun mit dem 9-Euro-Ticket zu tun, das ich in der Überschrift bereits erwähnt habe? Nun ja, das Ticket wird die Verkehrsunternehmer hier und da vor große Probleme stellen. Viele Verkehrsbetriebe haben schon vor Wochen gesagt, dass sie es nicht leisten können. Die Mitarbeiter bekommen drei Monate, ausgerechnet im Sommer, Urlaubsverbote, der Stresslevel steigt, etc.. Diese Herausforderungen möchte ich nun aber gar nicht ausdiskutieren. Das Ticket ist ein halber Schritt in die richtige Richtung!

Worauf ich mich freue, ist dass das Ticket die Chance bietet das Huhn-Ei-Problem zu durchbrechen! Allein aus diesem Grund werde ich mir das Ticket holen. Ich gehe nicht davon aus, dass ich hier in der Region viel mit den Bussen fahren werde, aber wir sind in Sande sehr privilegiert! Wir kommen nämlich mit der Bahn in drei Richtungen: Esens, Wilhelmshaven und Oldenburg und von dort in die große weite Welt!

Die Bahn werde ich definitiv in den kommenden drei Monaten nutzen, sofern sie denn fährt (das ist noch ein anderes Thema). Aber selbst wenn ich aufgrund meines Lebens auf dem Land mal wieder absolut ins Klo greifen werde, was den ÖPNV angeht, so bitte ich alle Menschen dieses Ticket einfach zu kaufen! Zeigt damit, dass Ihr Euch einen besseren ÖPNV wünscht! Mehr Verbindungen, günstigere Preise! Die Tür ist ein Spalt weit offen, lasst sie uns eintreten, damit sich in den nächsten Jahren endlich etwas tut!

Langfristig sollte es wirklich das Ziel sein, dass der ÖPNV kostenlos für jeden Menschen nutzbar ist und er Mobilität schafft! Der Staat und die Bahn sind aktuell eher dabei den Karren gegen die Wand zu setzen. Das Ticket ist nun ein Funken Hoffnung. Empfehlen kann ich zu diesem Thema übrigens Böhmi! Danke, dass Ihr bis hier gelesen habt! Kauft Euch das Ticket und nu guckt Böhmi:

ZDF Magazin Royale vom 18. März 2022

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